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DSGVO-konforme Cloud-Migration in 6 Schritten

Praxis-Leitfaden für eine DSGVO-konforme Cloud-Migration im Mittelstand: 6 dokumentierte Schritte mit Verantwortlichkeiten, Werkzeugen und Stolperfallen.

Eine DSGVO-konforme Cloud-Migration ist kein juristisches Genie, sondern ordentliches Projektmanagement plus klare Dokumentation. Im deutschen Mittelstand scheitert sie selten am Datenschutzrecht selbst, sondern an fehlender Verantwortlichkeitenklärung, unvollständigem Verfahrensverzeichnis und Datenflüssen, die niemand kennt. Dieser Leitfaden beschreibt einen Standardweg für Migrationen nach Microsoft 365 und Azure, wie er sich in der Branche bewährt hat — und wie Nexaro ihn als Pilotmethodik anbietet.

In Kürze

Schritt 1 — Datenaufnahme und Klassifizierung

Vor jedem Migrationsschritt steht eine ehrliche Bestandsaufnahme. Wer was wo verarbeitet — und vor allem, wer für welche Daten verantwortlich ist.

Konkrete Schritte:

  1. Verfahrensverzeichnis nach Art. 30 DSGVO sichten und gegebenenfalls aktualisieren.
  2. Datenarten klassifizieren in mindestens drei Stufen:
    • Stufe A — besonders geschützt: Gesundheitsdaten, biometrische Daten, Sozialdaten, Mitarbeiter-Personalakten
    • Stufe B — personenbezogen, normal: Kunden-Stammdaten, Mitarbeiter-Mails, CRM-Daten
    • Stufe C — nicht personenbezogen: Produktdokumentation, technische Daten, öffentliche Inhalte
  3. Datenflüsse skizzieren: Wer schickt was wohin? Welche externen Partner sind beteiligt?
  4. Speicherorte heute dokumentieren: lokale Server, NAS, Mail-Server, vorhandene Cloud-Dienste.
  5. Schatten-IT identifizieren: Welche Cloud-Tools werden ohne IT-Wissen genutzt? Dropbox-Accounts, private OneDrives, WhatsApp-Gruppen mit Kundendaten.

Werkzeuge:

Verantwortlich: Datenschutzbeauftragte:r (intern oder extern) plus IT-Leitung. Nicht die Geschäftsführung allein — das schiefe Bild führt zu Lücken.

Schritt 2 — Rechtsgrundlagen und Drittlandtransfer prüfen

Für jede Datenart eine Rechtsgrundlage festhalten und Drittlandtransfer-Risiken bewerten.

Rechtsgrundlagen nach Art. 6 DSGVO:

Drittland-Bewertung:

Output: Eine Tabelle “Datenart × Rechtsgrundlage × Speicherort × Drittland-Maßnahmen”. Wird Anlage zum Verfahrensverzeichnis.

Schritt 3 — Anbieter prüfen und AVV abschließen

Mindest-Checkliste pro Cloud-Anbieter:

PunktWas prüfen
AVV / DPA nach Art. 28 DSGVOStandardvertrag vorhanden, deutsche Sprachfassung verfügbar
Standardvertragsklauseln 2021aktuelle Fassung, mit Modul je nach Konstellation
EU-Datenresidenzdokumentiert, vertraglich zugesichert
Sub-AuftragsverarbeiterListe verfügbar, Änderungen werden angekündigt
ZertifizierungenISO 27001, ISO 27017, ISO 27018, BSI C5 (Typ 2 bevorzugt), SOC 2 Typ 2
TransparenzberichteBehördenauskünfte werden veröffentlicht
Audit-Rechtemindestens Einsicht in Prüfberichte
Löschung / RückgabeVerfahren am Vertragsende dokumentiert

Praxisrealität: Microsoft und Google haben hier sehr ähnliche, professionelle Standardverträge. Die DSGVO-Konformität entscheidet sich nicht am AVV, sondern an Ihrer Konfiguration und Dokumentation — siehe auch der Vergleich Microsoft 365 vs. Google Workspace.

Schritt 4 — Technisch-organisatorische Maßnahmen (TOM)

Die TOMs nach Art. 32 DSGVO sind kein Selbstzweck — sie sind das, was im Schadensfall die Behörde sehen will.

Pflicht-TOMs für eine Cloud-Migration:

Output: Aktualisiertes TOM-Dokument, das im DSB-Audit oder bei Behördenanfragen vorgelegt werden kann.

Schritt 5 — Migration durchführen

Erst jetzt geht es technisch los. Die Reihenfolge ist projektabhängig, ein bewährtes Schema:

  1. Pilotgruppe (5–10 Nutzer aus verschiedenen Abteilungen), 2–3 Wochen Testbetrieb.
  2. Wellen-Migration ab Pilot-Erfolg: 25 % → 50 % → 100 % der Belegschaft, jeweils mit 1–2 Wochen Stabilisierung.
  3. Daten-Migration:
    • Postfächer mit nativen Microsoft-Tools, BitTitan oder CodeTwo
    • Dateiablage von Fileserver/NAS zu SharePoint/OneDrive mit Migration Manager oder ShareGate
    • Berechtigungen abbilden, nicht 1:1 kopieren — die Cloud-Welt fordert oft Konsolidierung
  4. Anwendungs-Integration: ERP, CRM, Branchensoftware anbinden, Outlook-Add-ins testen.
  5. Endgeräte-Enrollment in Intune oder gleichwertiges MDM.
  6. Altsysteme abschalten — terminiert, mit Datenarchiv und Bestätigungsprotokoll.

Stolperfallen:

Schritt 6 — Dokumentation und kontinuierlicher Betrieb

Die Migration ist nicht beendet, wenn der letzte Nutzer migriert wurde — sondern wenn die Dokumentation fertig ist.

Pflicht-Dokumente nach Abschluss:

Kontinuierlicher Betrieb:

Häufige Stolperfallen im Mittelstand

  1. Geschäftsleitung delegiert “den Datenschutz” pauschal. Verantwortung bleibt nach DSGVO bei der Leitung — DSB beraten, GF entscheidet.
  2. DSFA wird übersprungen, weil “wir sind ja nur Mittelstand”. Falsch, wenn besonders schutzwürdige Daten oder neue Technologien (KI-Auswertung von Personaldaten) betroffen sind.
  3. AVV wird unterschrieben, aber nie gelesen. Die Sub-Auftragsverarbeiter-Liste ändert sich, und ohne Process zur Nachverfolgung fehlt das später im Audit.
  4. Schulung als E-Mail abgeschickt. Reicht behördlich nicht — dokumentierte Teilnahme, idealerweise mit Testfragen.
  5. Schatten-IT bleibt unbehandelt. Wer Cloud konform machen will, muss die alten privaten Dropboxen schließen — sonst sind die Daten weiter “irgendwo”.
  6. Kein Off-Boarding-Prozess für ausscheidende Mitarbeitende. Konten, Daten, Backup-Aufbewahrung müssen geregelt sein.

Wenn die Aufsichtsbehörde anruft

Die meisten DSGVO-Prüfungen kommen anlassbezogen (Beschwerde, Datenpanne) und fragen folgende Dinge ab:

Wer die obigen 6 Schritte sauber durchlaufen hat, kann das vorlegen.

FAQ

Ist Microsoft 365 DSGVO-konform? Microsoft 365 ist bei sachgerechter Konfiguration und Vertragsgestaltung DSGVO-konform betreibbar. Microsoft stellt einen Standard-AVV, die EU-Standardvertragsklauseln 2021 und seit 2024 die “EU Data Boundary” zur Verfügung. Verantwortlich für die DSGVO-Konformität bleibt jedoch das nutzende Unternehmen, nicht Microsoft.

Was ist EU Data Boundary? Eine Microsoft-Initiative, die ab 2024 die Verarbeitung von Kundendaten europäischer Microsoft-365-, Dynamics-365-, Power-Platform- und Azure-Kunden weitgehend in EU-Rechenzentren begrenzt. Sie reduziert Schrems-II-Risiken, hebt sie aber wegen US-Konzernzugriffsmöglichkeiten nicht vollständig auf.

Brauche ich eine DSFA für eine Cloud-Migration? Nicht automatisch. Eine Datenschutz-Folgenabschätzung ist nach Art. 35 DSGVO erforderlich, wenn die Verarbeitung “voraussichtlich hohes Risiko” für Betroffene mit sich bringt — etwa bei großflächiger Verarbeitung besonderer Datenkategorien, systematischer Überwachung oder neuen Technologien. Im Zweifel mit DSB klären.

Wie lange dauert eine DSGVO-konforme Cloud-Migration? Für einen Mittelständler mit 30–200 Mitarbeitenden realistisch 2–6 Monate von Schritt 1 bis Schritt 6, je nach Datenmenge, Anwendungsstack und vorhandener Dokumentation. Schritt 1 und 6 sind regelmäßig die zeitintensivsten Phasen, technisch reine Migrationen oft kürzer als erwartet.

Was kostet eine DSGVO-konforme Cloud-Migration? Marktübliche Richtwerte: 100–300 € pro Nutzer für die Migration plus Beratungs- und Dokumentationsaufwand von typisch 8.000–30.000 € für ein Unternehmen mit 30–200 MA — vergleichbar mit den Kosten für Managed M365 bei 50 MA.

Reicht der Datenschutzbeauftragte allein? Nein. Der DSB berät und überwacht, entscheidet aber nicht. Verantwortlich für die Konformität ist die Geschäftsleitung. Operativ braucht es zusätzlich IT-Leitung und Fachbereiche mit Datenhoheit.